Flucht ins Hornissennest

Über eine Million syrische Flüchtlinge hat Libanon in den letzten Monaten aufgenommen. Eine Herausforderung, die neue Fragen aufwirft, und alte Wunden öffnet.

Syria crisis: new arrivals in Lebanon
Im Flüchtlingslager Qab Elias, an der syrisch-libanesischen Grenze, Juni 2013 (Flickr / Eoghan Rice Trocaire / CAFOD)

Der Islamische Staat (IS) hat es seit Wochen auf das nordsyrische Kobane abgesehen, doch am letzten Oktoberwochenende war ein Angriff auf einen syrisch-libanesischen Grenzposten zu vermelden. Unbekannte Elemente überfielen die Kleinstadt Aarsal. Einwohner des Ortes sahen fassungslos zu, während die Eindringlinge im Zentrum Fahnen schwenkten und IS-Parolen grölten. Der Bürgermeister glänzte durch seine Abwesenheit.

Politisches Ziel des IS ist es, das auf den Sykes-Picot-Abkommen gestützte Grenzsystem des Nahen Ostens auszulöschen, um an dessen Stelle ein Kalifat auszurufen. Das libanesische Staatsgebiet soll auch herhalten. Sollten sich die Angriffe auf das Land in kommender Zeit verstärken, dürften die Kämpfe noch blutiger ausfallen, als bisher: Der IS geht radikal gegen seine eigenen Glaubensbrüder vor, sofern diese nicht parieren. Noch radikaler ist sein Umgang mit religiösen Minderheiten. Zusätzlich zu der stärksten christlichen Minderheit des Nahen Ostens, und einer beträchtlichen Zahl an Schia, harren auch Drusen sowie mehrere Millionen Sunnis die angespannte Situation aus, und hoffen. Falls IS endgültig vor die Tore rückt, wird es heikel. Über Land führt dann kein Weg mehr hinaus. Nach Syrien möchte wohl niemand, die Grenze zu Israel ist aus diplomatischen Gründen permanent geschlossen. Die Landesgrenzen zeichnen den Umriss einer humanitären Katastrophe.

Gefahr von außen, Druck von innen

Die Lage in der „Schweiz des Nahen Ostens“ droht jedoch schon früher zu eskalieren. Bei einer Bevölkerung von viereinhalb Millionen Einwohnern beträgt der Zuwachs durch Kriegsvertriebene satte 30 Prozent, und würde auch in Deutschland alle Infrastrukturen erheblich belasten. Doch der Libanon hat etwas, was Deutschland nicht hat: ein konfessionelles politisches und institutionelles System. Seit der französischen Mandatszeit sind nicht nur die Sitze im Parlament, sondern auch politische Ämter nach Religionszugehörigkeit gewichtet. Bevorzugt sind dabei die Christen. Über 400.000 Palästinenser sind schon seit Ende des libanesischen Bürgerkrieges 1990 in Flüchtlingslager gepfercht, und warten nicht zuletzt deswegen immer noch auf ihre Legalisierung: Der politische Status Quo würde einem solchen, fast rein sunnitischen Bevölkerungsaufschwung, nicht standhalten.

Seit 2011 sind gut drei Mal so viele Flüchtlinge aus Syrien dazugekommen. Seit Monaten ist die Lage im Bekaa-Hochland, nahe der syrischen Grenze, äußerst angespannt. Weder den hiesigen Christen, noch den dort stark vertretenen Schia (Baalbak ist eine Hisbollah-Hochburg), sind die nach Zuflucht suchenden Syrer geheuer. Seit Jahren fordert ein Teil der Bevölkerung eine neue Volkszählung, um die politische Amtsverteilung der neuen demographischen Realität anzupassen. Die erste und letzte wurde 1932 durchgeführt. Die konfessionelle Zusammensetzung der Bevölkerung dürfte sich seitdem verändert haben – ganz zu schweigen von den knapp zwei Millionen ausländischer und meist sunnitischer Flüchtlinge. Die Stimmung zwischen den Glaubensgemeinschaften ist angespannt: Kürzlich wurden mehrere Bombenanschläge gegen schiitische Ziele verübt.

Kein Kapitän am Ruder

Auf staatliche Schlichtungs- und Stabilisierungsmaßnahmen warten die Libanesen indes vergebens: Ende Mai lief Ex-Präsident Michel Sleimans Mandat ab, doch auf ein neues Staatsoberhaupt konnte sich das Parlament bisher nicht einigen. Zudem blockiert das Courant Patriotique Libre, geleitet von Michel Aoun, die Vorgänge im Parlament, indem seine Mitglieder die Tagungen boykottieren, und verhindern, dass das für eine gültige Wahl erforderliche Quorum erreicht wird. Der Christ Aoun ist politischer Hauptverbündeter der Hisbollah.

Wem bei solch politischem Gewirre schwindelig wird, ahnt, wie sich die Libanesen fühlen. Oder die Palästinenser. Oder die Syrer. Ob die Lunte von außen oder aus dem Landesinnern gezündet wird, bleibt die Frage.

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