Paul McCarthy zeigt sich in Paris von seiner Schokoladenseite

Der kalifornische Performance-Künstler Paul McCarthy inszeniert seine Chocolate Factory in der ältesten Manufaktur Frankreichs, im Pariser „Hôtel de la Monnaie“.

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Keine Zeit für Süßholzgeraspel. In der Schokoladenfabrik herrscht Hochbetrieb. Besonders beeindruckend die Schoko-Zentrifuge, die die flüssige Schokolade gleichmäßig verteilt. (Anita Westrup)

32 Treppenstufen führen den Besucher in einen Wald aus dildoförmigen, überdimensionierten Plastikballons. Mal knubbelig, mal kerzengerade, die rund sieben Meter hohen Gummiwerke ragen bis unter die Decke der altehrwürdigen Münzprägeanstalt aus dem 18. Jahrhundert. Unter den Modellen ein für Pariser alter Bekannter, der grasgrüne, tannenbaumähnliche Tree.

Wenige Tage vor dem Beginn der FIAC, der Pariser Messe für zeitgenössische Kunst, hat Paul McCarthy den 15 Meter höheren Zwillingsbruder von Tree mitten auf den prunkvollen Place Vendôme gepflanzt. Umringt von Juweliergeschäften und luxuriösen Stadthäusern echauffierte das Plastikwerk nicht nur Anwohner, sondern auch andere Pariser, die beim Anblick des sextoyähnlichen Ballons glatt ihre Contenance verloren haben. Zwei Tage nach der Installation von Tree setzten Übeltäter die Pumpe außer Kraft und kappten die Halteseile. Paul McCarthy hat daraufhin das Schlachtfeld geräumt und freiwillig die Luft aus seinem Kunstwerk gelassen. Tree fiel wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Trotz Beschimpfungen und verpasster Ohrfeige hält das 69-jährige Enfant terrible der amerikanischen Kunstszene an seinem Konfrontationskurs fest und spielt mit der Ambiguität seiner Formen.

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Nein, das sind keine Schachfiguren, sondern Kunstwerke – gefüllt mit Luft und Liebe. (Anita Westrup)

Im frisch renovierten Salle Guillaume Dupré der Pariser Monnaie, der durch seine neoklassizistische Architektur besticht, hat Paul McCarthy seit Ende Oktober seine Schokoladenfabrik einquartiert. Drei Performerinnen mit blonden Perücken stellen am laufenden Band Tree-Figuren und Weihnachtsmänner aus Bitterschokolade her. Besonders Schmankerl: In der rechten Hand halten die Santas mit Weihnachtsmannkostüm und Grinsegesicht eine Miniaturform des tannenähnlichen Dildos. Auf ironisch-satirische Weise zieht der Vertreter der kalifornischen Post-Pop-Szene so die Konsumkultur der westlichen Gesellschaft buchstäblich durch den Kakao. Die Schokoladenfabrik in der Fabrik. Skurrile Kunst unter Unesco-Weltkulturerbe-Dach. Kuratorin Chiara Parisi findet die Fusion zwischen industrieller Münzfertigung und zeitgenössischer Kunst gelungen. Mit der Debütausstellung Chocolate Factory verspricht sich die Museumsfrau, die Monnaie de Paris als neuen Hotspot der Kunstszene zu etablieren.

Wer wagt, gewinnt?

Chocolate Factory verführt die olfaktorischen Sinne, aber mehr auch nicht. Im restlichen Teil der Ausstellung, der auf acht verdunkelte Räume verteilt ist, wären Oropax-Automaten angebracht. Aus mehr als zwanzig Lautsprechern dröhnen Satzfragmente wie „Are you the Artist“, „Fucking France“ oder „Stupid America“. 12 Projektoren zeigen McCarthy beim krampfhaften Schreiben. Lautmalerisch gibt der Schokoholiker hier nochmal alles. Er räuspert, stöhnt, brüllt und schmatzt. Ein Trost: Die etwa 20 Zentimeter großen Schokoladenfiguren, die wie Zinnsoldaten auf den unzähligen Regalbrettern stehen, verbreiten einen himmlischen Duft.

300 neue Trees und Santas kommen jeden Tag dazu. Bis zum Ausstellungsende am 4. Januar sollen es insgesamt 20.000 werden. Was danach mit ihnen passiert? McCarthy baut gerade an einer eigenen Filmstadt, in der er Antiwestern produzieren möchte. Wenn die Schokofiguren die Heimreise überleben und nicht unter der heißen Sonne Los Angelos dahinschmelzen, könnten sie vielleicht als Darsteller zum Einsatz kommen. An ausgefallenen Ideen mangelt es Paul McCarthy jedenfalls nicht.

Anita Westrup

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