Das traditionelle Fest der Lichter in Lyon

Das Motto „Illumignons notre ville!“ („Lass uns unsere Stadt mit Lämpchen strahlen!“ mit einem Wortenspiel) ist überall auf Plakaten in Lyon, in der Region Rhônes-Alpes, etwa 400km südlich von Paris, zu lesen.

Fête des Lumières Lyon 2014_fontaine_en_lampe
Aus einem Brunnen wird eine riesige Nachttischlampe. Marjorie Even

Lyon – Auf das Riesenrad des Bellecour Platzes wird eine Figur projiziert, die ab und zu aus dem Bild verschwindet. Manchmal steuert sie ein Flugzeug, manchmal sitzt sie auf einem Fahrrad. Dann ist sie plötzlich aus der Seite des Schirmes verschwunden. Verwirrt schaut das Publikum um sich herum: Die Figur erscheint aus der Ferne als Puppe. An Fäden hängend tritt in der Luft die Gestalt in die Pedale. Ein paar Sekunden später wird ein Mensch erkennbar – sogar neben ihm mehrere, die Trapez turnen. Das Event lohnt sich besser als eine Kinovorstellung: Der Besucher erlebt draußen eine zauberhafte Inszenierung, die Lichtinstallationen, Töne und Spannung miteinander kombiniert.

Das diesjährige Thema des berühmten „Fête des Lumières“ (Fest der Lichter) in der französischen Stadt Lyon ehrt heuer den Kleinen Prinz vom Schriftsteller Saint-Exupéry. Die dargestellte Figur ist der Flieger des Märchens. Projiziert werden noch die Sahara Wüste, eine riesige Rose, einen Drachen, Schnee – Symbole, die mit dem Hintergrund des Kleinen Prinzen verbunden sind. Mit dem kalten Wind wirkt die Illusion umso besser: Man hat das Gefühl, man befände sich in der geschneiten Landschaft.

Schon ist für jeden Geschmack etwas dabei. Nach dem Bellecour Platz geht es auf der Straße Rue de la République weiter, wo funkelnde Bögen den Weg einrahmen. Das Brunnen wird eine riesige Nachttischlampe mit einem daraufgesetzten blauen Lampenschirm; Wiegenlieder werden dabei leise gespielt. Den Höhenpunkt bildet der Place des Terreaux, auf dem das Rathaus und die Kunsthochschule liegen: Die dargestellten Tänzerinnen des Künstlers Degas werden lebendig und wirbeln auf beiden Gebäuden herum. Schnell werden sie von Tango-Tänzern ersetzt, die in einem wilden Rhythmus die Hüften schwingen.

Ausschnitt des Festes der Lichter – Video von Marjorie Even

Anne, eine fünfundvierzigjährige Mutter aus der Nähe von Lyon, kommt jedes Jahr mit ihren Kindern zum Spektakel. „Das Thema wechselt jedes Mal. Das ist stets eine Überraschung.“ Für sie bedeutet das Fête des Lumières eine schöne und originelle Gelegenheit, das Kulturerbe Lyons wiederzuentdecken. Ihre Kinder sind elf und vierzehn, ihre Stieftochter zwanzig. Alle vier begeistern sich für die Lichtinstallationen der „Ville des Lumières“ (Stadt der Lichter). Anscheinend sind im Publikum alle Altersgruppen vertreten.

Und auch Menschen unterschiedlicher Nationalitäten begeben sich am Wochenende des 8. Dezembers nach Lyon. Einmal im Jahr begegnet der Besucher am selben Abend vielen Chinesen, englisch-Sprachigen, Italienern. Anne erläutert: „Es werden jetzt sogar Partnerschaften mit China gemacht. China möchte sich von Lyon Lichtern inspirieren.“ Die Bedeutung des Festes ginge aber in diesem asiatischen Land komplett verloren, wie Anne mit der Geschichte der Lichtinstallationen erzählt.

Maria soll die Stadt von der Pest gerettet haben.“ Als Zeichen ihrer Dankbarkeit errichteten die Lyoner 1852 eine an Heiliger Maria gewidmete Skulptur auf dem Hügel der Stadt, Fourvière. Am 8. Dezember zelebrierten sie die Einweihung der Skulptur Marias, indem sie mit Lämpchen auf die Straße gingen. Seither wird traditionell jeden Dezember gefeiert. „Fourvière“ wurde auch die Lyoner Basilika genannt: „Notre-Dame de Fourvière“. Wenn der Besucher unten in der Altstadt steht, trifft sein Blick unwillkürlich auf den Hügel Fourvière, auf der die Basilika steht. Nachts während des Lichtfestes fallen ihm zwei riesige Wörter auf, die den „HOLLYWOOD“ Buchstaben in der kalifornischen Landschaft ähnlich zu sein scheinen. Mit dem leuchtenden „Merci Marie!“ (Danke Maria!) muss man sich daran erinnern, dass das Fest ursprünglich eine religiöse Bedeutung hat.

Ob heute noch mit dem Fête des Lumières Heilige Maria zelebriert wird, bleibt eine offene Frage. Denn Lämpchen wurden meisten durch moderne und technische Lichtinstallationen ersetzt und vermutlich laufen mehr neugierige Touristen durch die Straßen als Katholiken. Ein Beweis dafür, dass Religion nicht zentral ist: Das Fest ist vor ein paar Jahren auf drei bis vier Tage verlängert worden, also nicht speziell am Tag der Einweihung der Skulptur Marias. Das Fête findet heuer vom 5. bis 8. Dezember statt.

Geduldig muss aber der Besucher sein, um sich von einem Punkt bis zu einem anderen zu begeben, denn dieser Event ist überaus erfolgreich. Die ruhige Stadt rechnet mit dem Andrang tausender Touristen. Sicherheitskräfte überwachen den Eintritt der Touristen in der U-Bahn. Das Umsteigen erfolgt nicht in den U-Bahn Korridoren, sondern draußen. Damit Unfälle vermieden werden, muss man eine meterlange Schlange in der Kälte stehen, und es kann ganz schön viele Zeit dauern.

Somit kann es ärgern, dass es so eine große Menschenmenge gibt. Harry, der Ehemann Annes, bleibt an diesem Abend lieber zu Hause. Ihn interessiert es nicht besonders, nach Lyon zu fahren. „Naja, die Stimmung ist jedes Mal dieselbe. Touristen, Lärm, Wartezeit…“ É., eine zweiundzwanzigjährige Französin aus Paris, die vor kurzem nach Lyon gezogen ist, ist der gleichen Meinung. Sie gibt zu, dass sie am Sonntag an dem Fest nicht teilnehmen wird: „Es wird voll sein. Es wird sogar viel mehr Besucher geben als gestern, Samstag. Ich kriege einfach Stress, wenn ich mich in einer Menschenmenge befinde.“ In Lyon ist sie umgezogen, unter anderem weil sie die zu große Zahl von Touristen in der französischen Hauptstadt nicht mehr ertragen konnte.

Und wer finanziert die Vorbereitungen und die Lichtinstallationen? „Hauptsächlich die Steuerzahler“, erläutert Anne. „Jedoch ist es für die Stadt rentabel. Denn die Wirte und die Hotels erzielen damit viele Umsätze.“ Das Fête des Lumières kombiniert also Traumwelt und Umsätze. Nicht nur um ihre Touristen und ihre fantastische Stimmung sollte Paris Lyon während dieses Festes beneiden – sondern auch um den Profit.

 Marjorie Even

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