Moabit bleibt arm, aber sexy – und das ist auch gut so

Vor 25 Jahren war der Prenzlauer Berg noch eine Sackgasse. Heute rummelt es so sehr von Soyamilchtrinkern, dass sich kein Berliner mehr nach Schwabylon traut. So geht es in vielen Kiezen zu. Doch eine Spezies leistet einen aussergewöhlichen Widerstand : der Moabiter.

Er ist solz auf seine Insel, will keine allzugrossen Veränderungen. Die Kühe, die zu Mauerzeiten noch im Keller standen, hat er aber doch abgeschafft. Und jetzt will das Innenministerium, das seinen Sitz in der alten « Bolle-Molkerei » am Moabiter Spreeufer hat, umziehen: « Dit jeht doch nischt! ». Neben Pfandflaschensammeln ist nämlich Protest die zweite Leidenschaft des Moabiters.

Als aus Plus Netto wurde, schrie das halbe Viertel erstmal auf. Heute geht die Nachbarschaft unverändert weiter dort einkaufen « Molle bleebt eben Molle ». Für eine knappe Milliarde Euro wurde der neue Hauptbahnhof in Moabit gebaut. Auf vier Etagen erstreckt sich nun in Moabit mit einer 27.000 Quadratmeter grossen Glasfassade der modernste Bahnhof Europas. Doch auch da musste der Moabiter seinen Senf erstmal hinzufügen : « Oos dem schönen Namen Lehrter Bahnhof soll nun Hooptbahnhoof werden ? Ick gloob meen Kuckuck schielt ! » Der Schädel des Moabiters, so hart wie Beton, zwingt Berlin immer wieder zu Kompromissen. So sieht man nun auf den Schilder unter « Hauptbahnhof » « Lehrter Bahnhof » stehen. Bund und Land können vor so einer Resistenz nur stutzen. Veränderung ? Ja, die hat aber gefälligst von innen zu kommen. Franz Wolf, der inoffizielle Bürgermeister, auch « Käpten Kiez » genannt, kämpft mit seinem Verein « Moabit ist Beste » an vielen Fronten. Sein Hauptquartier hat er im Café gegenüber vom Rathaus aufgeschlagen. So steht kein Pfosten, keine Laterne oder Stromkasten ohne den kult gewordenen Schriftzug « Moabit ist Beste ». Ein gleichnamiges Raplied dient als Hymne : « Mein Kiez, dein Kiez, Moabiter Liebeslied » hört man von ein paar Balkone dröhnen.

Vor einem Monat fand zum 30. Mal das Schlechtival statt. Es ist eine Moabiter Spezialität, wo der schlechte Geschmack als Ideal angepriesen wird. So sieht man dort Künstler, die sich in Klorollen einwickeln; an anderen Stellen steht der Schriftzug « Is det Kunst oder kann det weg ? ». In Moabit besteht weiterhin die Regel, out ist in und in ist out. Also bloss nicht zu modern und beliebt werden, das könnte dem Ruf schaden. Der gläserne Hauptbahnhof war schon ein harter Schlag – mal sehen, ob dieser Kiez das neue Gebäude des Innenministeriums überleben wird.

Molle = Bier
Schwabylon = Prenzlauerberg

Selin Verger

Advertisements

Laisser un commentaire

Entrez vos coordonnées ci-dessous ou cliquez sur une icône pour vous connecter:

Logo WordPress.com

Vous commentez à l'aide de votre compte WordPress.com. Déconnexion / Changer )

Image Twitter

Vous commentez à l'aide de votre compte Twitter. Déconnexion / Changer )

Photo Facebook

Vous commentez à l'aide de votre compte Facebook. Déconnexion / Changer )

Photo Google+

Vous commentez à l'aide de votre compte Google+. Déconnexion / Changer )

Connexion à %s