Unser Feind ist die Angst – von Edwy Plenel

– Eine Übersetzung – 

Am Freitag, dem 13. November, wurde eine ganze Gesellschaft in Paris und Saint-Denis zum Ziel des Terrors: unsere Gesellschaft, unser Frankreich, das aus Vielfalt, Pluralität und Begegnung besteht. Diese offene Gesellschaft möchte der Terror verschließen; sie durch die Angst zum Schweigen bringen, sie durch den Schrecken verschwinden lassen. Und diese offene Gesellschaft müssen wir verteidigen, denn gerade sie schützt uns.

Gedenkstätte am Place de la République (Elise Amchin)

Ein Freitagabend im milden Herbst. Wochenende, Zeit auszugehen und sich zu entspannen. Alle freuen sich darüber, Freunde zu treffen, Konzerte zu besuchen und Sport zu schauen. Geselligkeit unter jungen Menschen. Männer und Frauen miteinander – Jugend ohne Grenzen – die ihrem Vergnügen je nach Vorliebe nachgehen dürfen: es wird getrunken, geraucht, getanzt, geflirtet, geliebt – kurzum, man geht raus und auf die anderen zu.

Diese einfachen, unpathetischen Worte genügen, um mitzuteilen, was wir seit Freitag empfinden: jeder unter uns, unsere Kinder, unsere Eltern, unsere Freunde, unsere Nachbarn – wir selbst waren im Visier der Mörder.

Es wurde gesagt, dass die Attentäter, die das Pariser Blutbad veranstalteten, keine genaue Zielscheibe hatten, weil sie nicht, wie bei den letzten Attentaten im Januar, symbolische Orte angriffen, als der Terror seinen Hass gegenüber der Freiheit (Charlie Hebdo) und den Juden (HyperCacher) ausdrückte. Das ist falsch: Mit einer totalitären Ideologie bewaffnet, die sich religiöser Inhalte als Argumentation bedient, um jegliche Pluralität zu töten, jegliche Vielfalt auszulöschen, jegliche  Individualität zu leugnen, war ihr Auftrag, eine ganze Gesellschaft zu erschrecken, die das entgegengesetzte Versprechen verkörpert.

Jenseits von Frankreich, von dessen Außenpolitik oder dessen Regierung, war ihr Ziel das demokratische Ideal einer freiheitlichen Gesellschaft, die auf dem Recht beruht : dem Recht, Rechte zu haben.  In der die Gleichheit der Rechte gilt, ohne dass wegen der Herkunft, des Aussehens und des Glaubens unterschieden wird. In der das Recht gilt, sein Leben zu führen, ohne auf die Geburt oder Zugehörigkeit reduziert zu werden. Eine Gesellschaft aus Individuen, deren « Wir » aus endlosen, miteinander verbundenen « Ichs »  besteht. Eine Gesellschaft aus individuellen Freiheiten und gemeinsamen Rechten.

Einschätzen zu wollen, was die schlimmsten Attentate in Europa nach den Anschlägen 2004 in Madrid, was dieser unerhörte Terror in Frankreich bedrohen, heißt auch, die Herausforderung durch die Täter und ihre Auftraggeber richtig zu ermessen. Es ist diese offene Gesellschaft, die sie verschließen wollen. Ihr Kriegsziel ist, dass sich diese Gesellschaft veschließt, auf sich selbst zurückzieht, sich zerteilt, sich zusammenkauert und herabsetzt und sich verirrt und überhaupt verloren geht. Es ist unser Zusammenleben, das sie in einen innerlichen Krieg – gegen uns selbst – verwandeln wollen.

In welchem Kontext, welcher Epoche oder welchem Breitengrad auch immer –  der Terrorismus setzt immer auf die Angst. Nicht nur auf die Angst, die er in der Gesellschaft verbreitet, sondern auch auf die Politik der Angst, die er an der Spitze des Staates auslöst: eine Flucht nach vorne wo der totale Terror den Ausnahmezustand der Demokratie zur Folge hat. In einem Krieg ohne Ende, ohne Fronten oder Grenzen, ohne anderes strategisches Objektiv als seine eigene Fortsetzung, nähren sich Attacken und Gegenschläge gegenseitig, die Ursachen und Wirkungen vermengen sich unendlich, ohne dass sich je eine friedliche Lösung finden ließe.

So schmerzhaft es sein mag, wir müssen uns bemühen, das Rationale am Terrorismus zu erfassen. Um ihn besser zu bekämpfen, um nicht in seine Falle zu geraten, um ihm nie – aus Leichtsinn oder Verblendung – Recht zu geben. Es sind die selbsterfüllenden Prophezeiungen, die für diese Furcht erregende, mörderische Logik verantwortlich sind: Durch Terror ein noch größeres Chaos provozieren, von dem er sich im Gegenzug eine Steigerung der Wut, der Verbitterung und der Ungerechtigkeit erhofft… Durch die jüngsten Erfahrungen wissen wir das, und wissen, wie sehr die nordamerikanische Flucht nach vorne nach den Anschlägen im September 2001 die Ursache für die irakische Katastrophe ist. Aus gerade dieser Katastrophe ist der sogenannte Islamische Staat entstanden, aus den Trümmern eines zerstörten Staates und aus den Wunden einer vergewaltigten Gesellschaft.

Werden wir imstande sein, aus diesen katastrophalen Fehlern zu lernen, oder werden wir sie wiederholen? Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass in dem heutigen Kontext, in welchem sich ökonomische, soziale, ökologische, europäische, usw. Krisen addieren, unser Land einen historischen Moment erlebt, in dem die Demokratie die Tragödie wieder entdeckt. In dem jene von den Leidenschaften dieser bedroht wird. Denn worum es unmittelbar geht, liegt nicht in der Ferne sondern hier, in Frankreich. Wir wussten, kurz nach den Anschlägen im Januar, dass die echte Probe noch kommen würde. Als der Anti-Terror-Richter Marc Trévidic diesen Herbst sein Amt verließ, hatte er uns bereits daran erinnert: “Die dunkelsten Tage liegen vor uns” (hier sein Interview für die französische Zeitung Paris-Match). Eine Alarmbotschaft, die unsere leitenden Politiker nicht schonte: “Politiker nehmen kriegerische Stellungen ein, aber sie haben keine langfristige Sicht. (…) Ich glaube nicht, dass die französische Strategie richtig ist.”

Denn wir können vor dieser Gefahr, die uns alle betrifft, unsere Zukunft und Sicherheit nicht an die Regierung abgeben. Es ist zwar ihre Rolle, uns zu beschützen. Wir sollten aber nicht zulassen, dass sie diesen Schutz gegen uns, trotz uns und ohne uns tun.

Es ist immer schwierig, kurz nach Ereignissen, die ein ganzes Volk ergreifen und die es in Mitgefühl und Entsetzen versetzen, unangenehme Fragen zu formulieren, denn sie sind im Augenblick nicht hörbar. Aber gemeinsam würden wir nicht langfristig dem Terror, der uns herausfordert, widerstehen können, wenn wir nicht selber definieren, wie auf diese Fragen geantwortet wird.  Wenn wir nicht informiert, befragt und mobilisiert werden. Wenn uns das Recht verweigert wird, eine Auslandspolitik von Bündnissen mit diktatorischen oder aufklährungsfeindlichen Regimen (Ägypten, Saudi-Arabien) zu hinterfragen, kriegerische Expeditionen ohne strategische Vision (insbesondere in Sahel), Sicherheitsgesetze deren Ansammlung sich nicht als effizient zeigen (während sie unsere Freiheiten gefährden), kurzsichtige politische Reden (über den Islam insbesondere, mit diesem Begriff “Assimilation“, der aus der Verdrängung der Kolonialzeit entspringt), die mehr teilen als sie zusammenbringen, die mehr zu diesem Hass beitragen als sie beruhigen und die mehr die Ängste von oben ausdrücken als sie die Bevölkerung von unten mobilisieren.

Sich dem Terrorismus zu stellen, heißt Gesellschaft zu werden, gerade das in Gemäuer zu verwandeln, was dieser  zerstören will. Es heißt auch, unser farbenfrohes, schillerndes Frankreich zu verteidigen, das stark durch seine Vielfalt und Pluralität ist, das fähig ist, gemeinsam das Entstehen von Amalgamen und Sündenböcken abzulehnen. Dieses Frankreich, dessen Helden im Jahr 2015 auch Muslime waren, wie sie Atheisten, Christen, Juden, Freimaurer, Agnostiker aller Herkunft, Kulturen und Glauben waren. Das Frankreich des Polizisten mit algerischer Herkunft Ahmed Merabet, der sein Leben beim Attentat an Charlie Hebdo gegeben hat. Das Frankreich des Lassana Bathily, des damaligen illegalen Einwanderers malischer Herkunft, der während der Geiselnahme vom HyperCacher mehrere Geiseln rettete. Dieses Frankreich, das in dieser langen Pariser Nacht von so vielen Lebensrettern, Pflegepersonal, Ärtzen, Polizisten, Soldaten, Feuerwehrmännern, heldenden Bürgern repräsentiert wurde. Tausend solidarische Gesten, die auch aus dieser menschlichen, sozialen, kulturellen, konfessionellen usw. Vielfalt entstehen, die der Reichtum Frankreichs sind. Und seine Stärke.

Während der Anschläge, die in Großbritannien 2005 stattfanden, hat sich die Gesellschaft spontan um den von Internetnutzern erfundenen Slogan “We’re not afraid” geeinigt. 2004 hat sich in Spanien die Gesellschaft während der Anschläge spontan um jenes Symbol herum zusammen getan: Erhobene Hände, offene Handflächen, zugleich unbewaffnet und entschlossen.

Nein, wir haben keine Angst. Außer vor uns selbst, sollten wir selber Angst bekommen. Außer vor unseren Regierenden, wenn sie uns irre leiten und ignorieren. Die offene Gesellschaft, die die Mörder verschließen möchten: Mehr denn je verteidigen wir sie. Und das Symbol dafür, dass wie Nein sagen, könnten zwei Hände sein, die sich festhalten. Zwei Hände, die nach einander greifen und festhalten.

“Deux mains en relation.”

Cet article est une traduction d’un édito d’Edwy Plenel, publié sur Mediapart : « La peur est notre ennemie ».

Dieser Artikel ist eine Übersetzung von dem Leitartikel von Edwy Plenel, publiziert auf Mediapart.

 

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