CO2-freie Kultur

Kunstaktion vor dem Pariser Louvre: Im Rahmen der Klimakonferenz haben Umweltaktivisten gegen die Kulturförderung durch Ölkonzerne protestiert. Rückblick auf einen einzigartigen Protest.

CO2-freie Kultur

Paris, 9. Dezember – Es ist 12.30 Uhr vor dem Louvre. Die Sonne durchdringt die unzähligen Facetten der berühmten Glaspyramide wie eine gefangene Schönheit, vor welcher nun Barrieren den Sicherheitsbereich absperren, Polizisten kontrollieren den Zugang des Publikums zum Museum. Seit den Anschlägen wurden zwar die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt, und doch sieht ziemlich alles wie ein ganz normaler Mittwochmittag in Paris aus. Das Wetter ist angenehm, die Touristen posieren mit heiterer Miene vor dem drittgrößten Museum der Welt. Wie tausende Menschen vor ihr, tut eine Frau so, als ob sie die Pyramide in ihrer Hand tragen würde.

Plötzlich bildet sich eine Menschenmenge neben den verwirrten Passanten. Sie drängt sich in den Eingang hinein und versucht, die Pyramide zu erreichen. Studenten, Aktivisten und Neugierige vereinen sich allmählich zu einer einzigen Masse. Die Polizisten halten die Augen offen: man kann die Spannung spüren. Aufgrund des Ausnahmezustands könnten die Ordnungskräfte jederzeit den Zugang sperren und die Menge evakuieren.

Am Rande der Unruhe tauchen nacheinander als Engel verkleidete Frauen auf. Sie tragen Blumenkronen auf dem Kopf und leicht gefärbte Flügel am Rücken. Ihre langen weißen Kleider schleifen auf dem Boden während sie langsam an der langen Schlange vorbeiziehen. „Wir sind die Klima-Schutzengel“ erklärt die erste Frau. Als Symbol der Reinheit und der Unschuld schützen Engel die Menschen und vermitteln den zukünftigen Generationen eine Botschaft des Friedens und der Hoffnung. Slogans wie „Climate Justice“ oder „No Excuses“ sind auf ihren Plakaten zu lesen. Sie kommen aus Australien und sind für die COP21 extra nach Paris geflogen. Unter den jungen Engeln steht eine 75-jährige Frau, schlank mit kurzen grauen Haaren. Mit strahlendem Lächeln lässt sie ihren stolzen Blick über den Platz schweifen.

CO2-freie Kultur

Die Demonstranten, die jetzt vor der Pyramide stehen, beginnen ein merkwürdiges Ballett mit schwarzen Regenschirmen in der Hand. Hunderte der Zuschauer singen mit: „Oil money, out of The Louvre / Move, move, move / Eni, Total: Au revoir / Allez, allez, allez“. Die Schirme wirbeln noch einen kleinen Moment herum, bevor sie nebeneinander positioniert werden. Sie bilden nun in weißen Buchstaben die Wörter „Fossil free culture“. Diese künstlerische Performance zeigt mit dem Finger auf die Ölkonzerne Total und Eni. Sowohl das französische, als auch das italienische Unternehmen finanzieren das Museum. Chris, einer der Veranstalter der Demonstration, erklärt wie sich solche umweltschädlichen Energiekonzerne durch Kulturförderung ein besseres Image kaufen wollen. Gleichzeitig legitimiere der Louvre dieses Verhalten, wenn er dieses Geld annehme. „Wir brauchen eine CO2-freie Kultur“ deklariert er.

Die Demonstration ist die Initiative des Kollektivs „Art not Oil“, die aus mehreren Organisationen besteht, wie die britische „BP or not BP?“ sowie die „Liberate Tate“, oder die amerikanische „Occupy Museums“. Sie kämpfen weltweit gegen Kulturförderung durch Ölkonzerne. Selbst unter dem Publikum erkennt man verschiedene Sprachen, vor allem Englisch, Deutsch und Französisch. Die Rede der Demonstranten wird vom Englischen ins Französische übersetzt, sodass die ganzen Teilnehmer die Slogans in perfekter Symbiose wiederholen können. „Diese Konzerne müssen raus aus unseren Museen und Galerien, weil wir eine Kultur ohne Öl brauchen. Wir zeigen uns solidarisch mit den indigenen Aktivisten, deren Rechte im Rahmen der COP21 verschlechtert wurden“. Die Demonstration verläuft friedlich.

Nach etwa zwanzig Minuten gehen die Demonstranten wieder raus, gefolgt von den Engeln. Ein Polizist äußert sich ironisch: „Das war gar nicht so schlimm. In dem Fall komm ich gerne wieder“. Der Zug vereint sich ein letztes Mal in einem Halbkreis und feiert mit dem Publikum das Ende der Vorführung. Die Aktivisten werden minutenlang von den Leuten unter Applaus bejubelt. Die Engel werfen Flyer in die Luft. Auf dem Stück Papier sieht man ein Bild des Louvres mit einem Zitat auf Englisch „Dear Louvre, when Total sponsors you, you sponsor Total. Don’t sponsor climate chaos“ (Lieber Louvre, wenn Total dich sponsert, sponserst du Total. Sponser nicht das Klima-Chaos). Auf der anderen Seite steht das gleiche auf Französisch für den Konzern Eni. Ein paar Leute sammeln die Flyer ein, als Erinnerung an diesen besonderen Moment, wie man es nach einem Theaterstück oder Film mit der Eintrittskarte machen würde.

Als allmählich wieder Ruhe einkehrt und die Leute nach Hause gehen, kommt eine ältere Frau näher. Sie trägt die französische Zeitschrift „La décroissance“ unter ihrem Arm; „Ich betrachte mich als Anarchistin. Ich bin zufällig vorbeigekommen und wollte die Bewegung unterstützen. Der Ausnahmezustand ist ein Skandal. Es ist demokratiefeindlich. Und das alles unter den Augen der Polizisten. Die Polizisten stellen sich immer an die Seite der Machthaber. Sie arbeiten für die Machthaber und werden von den Machthabern bezahlt. Wir brauchen mehr Transparenz und Demokratie“. Mit diesen Worten schließt sich die Aktion.

Advertisements

Laisser un commentaire

Entrez vos coordonnées ci-dessous ou cliquez sur une icône pour vous connecter:

Logo WordPress.com

Vous commentez à l'aide de votre compte WordPress.com. Déconnexion / Changer )

Image Twitter

Vous commentez à l'aide de votre compte Twitter. Déconnexion / Changer )

Photo Facebook

Vous commentez à l'aide de votre compte Facebook. Déconnexion / Changer )

Photo Google+

Vous commentez à l'aide de votre compte Google+. Déconnexion / Changer )

Connexion à %s