Die Fernsehjustiz

Florian David Fitz als Angeklagter, Major Lars KochDas Erste)

Es ist kurz vor 23 Uhr. Der Richter fragt die Zuschauer der ARD ob Luftwaffe-Major Lars Koch schuldig ist oder nicht. Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes entscheidet das Volk über den Urteil eines Prozesses. Plötzlich kommt das Ergebnis: Freispruch. Mit knapp 87 Prozent der Stimmen.

Dies ist aber eine Fiktion. Dieser Prozess und dessen Fakten waren nicht real. Aber trotzdem, mit 6,88 Millionen Zuschauer in Deutschland war „Terror-Ihr Urteil“ das größte TV-Phänomen des Jahres. Ursprünglich ist diese Fernsehshow eine Bearbeitung des gleichnamigen Theaterstückes Ferdinand Von Schirachs. Das Szenario: Lars Koch -Major der Luftwaffe- hat ein von Terroristen entführtes Lufthansa-Flugzeug mit 164 Menschen vom Himmel geschossen, um zu verhindern, dass es über die mit 70 000 Zuschauern vollbesetzte Allianz-Arena in München zum Absturz gebracht wird. Die Passagiere kommen beim Absturz über einem Kartoffelfeld alle ums Leben. Dies wird im Film nicht dargestellt, sondern erscheint als Bericht während der Gerichtsverhandlung.

Wenn die Zuschauer einer Fernsehshow die Schöffen eines Prozess werden, was wird die Legitimität eines Rechtstaates dessen Justiz angeblich unabhängig ist? Besonders wenn alle deutschsprachigen Menschen Europas (ohne die Belgier und die Liechtensteiner) befragt werden, einen deutschen Bürger zu verurteilen? Da die ARD auch in Österreich und der Schweiz übertragen ist, konnten auch die lokalen Zuschauer eine 0137-Nummer anrufen um ihre Entscheidung zu fällen. Drückten sie die Eins, ginge Koch in den Knast. Drückten sie die Zwei, wurde er frei. Ein klares Dilemma. Die ARD hatte in der Tat die zwei Möglichkeiten vorgesehen und zwei alternative Enden verfilmt. Aber zwei Stunden nach dem Beginn der Show war die Mehrheit der deutschen, österreichischen und schweizerische Zuschauer einverstanden: Major Koch war unschuldig.

Die Protagonisten von „Terror-Ihr Urteil“ sind eine sogenannte Crème de la Crème der deutschen Schauspieler. Unter anderen spielt Burghart Klaußner den Richter, Martina Gedeck die Staatsanwältin, und Florian David Fitz den Angeklagten Lars Koch. Also die Objektivität der Wahl der Zuschauer ist infrage gestellt. Man darf denken sie haben den Major unschuldig beurteilt wegen seinen schönen Augen, vielleicht auch weil er sympathisch aussieht.

Es gibt ein großes Risiko zu anonymen Leuten die Rolle eines Schöffen zu geben wegen Marketinggründen. Im Film „Die zwölf Geschworenen“ (1957) sieht man die Komplexität ein Schöffe zu sein und die enorme Verantwortung die daran liegt. Bei einem Strafprozess werden diese Menschen sehr betreut und ihnen wird viel erklärt was von ihnen erwartet wird. Sie sollen unabhängig agieren aber dies improvisiert man nicht. Die Justiz ist eine seriöse Sache und keine Reality-Show wo Hinz und Kunz sein Telefon abnimmt um über die Zukunft eines Mensches zu entscheiden.

Nach der Sendung gab es eine Debatte, die ganz real war. Dabei waren ein ehemaliger Verteidigungsminister, ein ehemaliger Innenminister, ein früherer Major der Luftwaffe und eine Theologin. ARD-Programmdirektor Volker Herres hatte in einem Interview vor der Ausstrahlung stolz darauf hingewiesen, dass „Terror-Ihr Urteil“ Fiktion sei. Davon wusste der Ex-Verteidigungsminister nichts, der sprach nur im Indikativ über den Film; als ob es wirklich geschehen ist. Die Notwendigkeit von Medienkompetenz ist nie dringlicher vor Augen geführt worden.

Das öffentlich-rechtliche Fernsehen arbeitet an der Erosion des Fundaments auf dem es steht. Mit dem Fall Koch, wird das Schockerthema „islamistischer Terror“ indirekt dargestellt, denn hinter der Frage ob der Major ein Mörder oder ein Held ist, nehmen die Zuschauer ein böses Image des Islams wahr. Ist das wirklich nützlich in einer schwierigen Epoche in der man jeden Tag von Gesellschafts- bzw. menschlichen Krisen liest? Bes onders im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das eine wichtige Rolle in der Bildung der Massen spielt. Solchen Fernsehprogramme helfen rechtsextremen Parolen wie zum Beispiel die von der AfD. Diese Partei benutzt ihren Status außerhalb das System, um die gültige Gesetze zu kritisieren. Wenn der Major die Rakete auf der Flugmaschine gegen den Befehl seiner direkten Hierarchie anfeuert, wird er für viele ein Held der das Land gegen eine islamistische Bedrohung geschützt hat. Egal ob 164 Menschen ums Leben kamen, das war eine außergewöhnliche Situation. Anders gesagt: Selbstverteidigung um das Gemeinwohl zu schützen.

Das ist präzis der Grund warum „Terror-Ihr Urteil“ gefährlich ist: mit solchen Beispielen, glauben ein paar Menschen, dass die Justiz eine subjektive Sache ist, dass sie vielleicht eine außergewöhnliche Situation erleben können und dass sie keine Zeit haben werden um zu denken bevor sie agieren. Mit solchem Denken, zerfällt unser Justizmodell zu Staub.

Dass Frankreich eine Anpassung dieses Konzept geplant hat sollte uns warnen denn multimedial Geld mit einem spekulativen Theaterstück verdienen lassen ist gegen das Grundprinzip von Neutralität der öffentlich-rechtlichen Medien.

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