Die virtuelle Kathedrale der Street-Art

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CC-BY-FB

Die magasins généraux im Pariser Vorort Pantin blicken auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Gebaut als Lagerhalle um die Metropole Paris zu versorgen, von Graffiti-Künstlern zu ihrer Kathedrale erkoren, beherbergen sie nun die größte Werbeagentur Frankreichs.

Folgt man im Nordosten von Paris dem Canal de l’Ourcq, durchquert man zunächst den Park La Villette, mit dem Wissenschafts- und Technikmuseum auf der linken Seite und dem Zénith, der größten Konzerthalle von Paris, auf der rechten. Sobald man dann die Stadtautobahn périphérique mit dem tosenden Verkehrslärm unterquert, lässt man Paris hinter sich und befindet sich in Pantin. Einige hundert Meter weiter erblickt man am rechten Ufer des Kanals, einem gestrandeten Schiff gleich, ein Bauwerk aus Stahlbeton und Glas, die magasins généraux. Sie dienten seit 1931 als Lagerhalle für Getreide, Mehl, Papier und Stoffe. Dank der Anbindung durch den schiffbaren Kanal und die Eisenbahn konnte so die wachsende Hauptstadt versorgt werden. Der sogenannte „Speicher von Paris“ wurde später als Zollgebäude verwendet, bevor er 2004 aufgelassen wurde und leer stand. Ab 2006 hauchten Graffiti-Künstler dem Monumentalbau neues Leben ein. Lek (42) war einer der ersten, der seine Werke auf den „jungfräulichen Wänden“ verewigte. „Es gab viele Glasfenster, das verlieh dem Gebäude den Charakter einer Kathedrale, wo sich das Licht von vier Seiten spiegelt“, erklärte er im Oktober 2014 der Tageszeitung Le Parisien. Itvan Kebadian (29), Absolvent der Pariser Kunsthochschule, stellt in Pariser Galerien aus und führt nebenbei ein Dasein als Untergrundkünstler. Er hat „das Raumschiff“ zu seinem Lieblingsort erklärt. Seine gesprayten Insekten tummelten sich auf den Wänden.

Magasins généraux in Pantin CC-PH
Magasins généraux in Pantin
CC-PH

Im Jahr 2014 suchte Frankreichs größte Werbeagentur BETC einen neuen Standort, fühlte sich von der Magie des bunten Betonkolosses angezogen und beschloss, hier vor Anker zu gehen. Mit der Renovierung der ehemaligen Lagerhalle wurde der französische Architekt Frédéric Jung beauftragt. Die Seele des Gebäudes sollte dabei erhalten bleiben. Die bunten Kunstwerke an der Außenfassade und an den Innenwänden sind jedoch verschwunden. Allerdings sollten die Graffiti als Kulturerbe und Teil der Geschichte des Gebäudes weiterleben. „Als wir das Gebäude besichtigt haben, haben wir uns gesagt, dass wir nicht darüber hinwegsehen können, dass es ein Graffiti-Tempel war und wir etwas damit machen müssen“, sagt Ivan Beczkowski, Leiter von BETC Digital, dem Online-Magazin StreetPress. Graffiti Général, eine interaktive Homepage, erlaubt dem Besucher, bei einem virtuellen Rundgang durch die ehemalige Graffiti-Kathedrale die Kunstwerke zu entdecken. Dafür wurden die Graffiti auf 5200 Fotos festgehalten. Es handelt sich um das bisher größte Projekt, das mithilfe der WebGL-Technologie, realisiert wurde. Parallel dazu erschien im Oktober 2014 der Bildband Graffiti Général, in dem Karim Boukercha, selbst ehemaliger Sprayer, die Geschichte der Graffiti in Paris beschreibt. Dreißig bedeutende Graffiti wurden zudem abgetragen und aufbewahrt, sie sollen später im öffentlichen Raum in Pantin ausgestellt werden. Im Juli haben 700 Mitarbeiter von BETC die renovierte Lagerhalle bezogen. Der künstlerische Geist des Flaggschiffs der Kreativität blieb dabei erhalten.

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