Wo die Currywurst bitter schmeckt

Currywurst

CC BY-ND-NC Lucas Richarz

Das Konzept der „appropriation“ (auf Deutsch „Aneignung“) bezeichnet das, was geschieht, wenn eine Gruppe von Individuen, sich die Kultur einer anderen Gruppe aneignet. Das Problem bei dessen Prozess ist, dass diese Kultur sowie die Menschen, die dazu gehören aus ihrem originalen Rahmen herausgelöst werden. Als ob man Döner, die nicht Halal wären, verkaufen wurden. Man würde aus religiöse Gründe einen großen Teil der Verbraucher ausschließen. Weil man vor allem „unter sich“ bleiben will. Welches Gericht aber kann als weniger elitär betracht werden als der Döner? Vielleicht die Currywurst. Aber dieses Regel scheint nicht in Frankreich, bzw. Paris zu gelten.

Als der Kellner mir die bekannteste kulinarische Spezialität Berlins serviert, bin ich erstaunt: fast ein Zwanni für diese Parodie deutscher Gastronomie, die ein halbes Liter bayerisches Bier begleitet. Dabei sah der Ort auf den ersten Blick sympathisch aus, auch wenn mir sein Klischeenamen schon verdächtig hätte vorkommen armieren: „Berliner Wunderbar“. Das ist fast so, als ob man eine französische Gaststätte in Berlin eröffnete und sie zum Beispiel „Pompadour Café au Lait“ nennen würde.

Berlin gilt seit langem als eine Hype-Stadt für die Pariser. Es ist also  logisch, dass sie Lust haben, ein kleines Stück daraus im ihr Zentrum zu importieren. Aber Paris ist nicht Berlin und es ist unmöglich, sich in der französischen Hauptstadt ganz wie in Deutschland zu fühlen. Nehmen wir nur die Preise. Paris ist eine teure Stadt, wo eine billige Flasche Bier aus Deutschland soviel kostet wie ein Glas des teuersten Weins. Es scheint, dass die Spezialitäten der deutschen Hauptstadt für eine pariser Kneipe zu limitiert sind. Die „Berliner Wunderbar“ schlägt in der Tat eine Sonderspeisekarte fürs Oktoberfest vor. So berlinerisch wie das Kölsch oder das wiener Schnitzel.

In diese sogenannten „Wunderbar“ kann man auch – französischen natürlich! – Wein trinken, sowie japanischen Whisky und englischen Gin. Die Speisekarte schlägt bayerische Brezeln, französische Wurst- bzw. Käse-Bretter und englische Chips vor. Aber das entmutigt die Kunden nicht! Man spürt, dass sie sich wie in Berlin fühlen, während sie unbewusst ein perfektes Beispiel des Aneignungsphänomens vorexerzieren. Man kann sagen die Kritik ist zu scharf. Berlin ist eine internationale Stadt, die sicht nicht auf Currywurst und Berliner Kindl beschränkt. Und zu Recht! Aber hier haben wir mit einem von Franzosen herbeiphantasierten Berlin zu tun. Wo man hingehen muss, weil es hype ist. Egal, ob die Produkte und die Preise für Berlin nicht repräsentativ sind.

An die Theke sitzt eine Gruppe germanophiler Jugendlichen. Sie sehen enttäuscht aus: sie hofften, ihr Deutsch mit den Kunden oder dem Personal zu trainieren. Aber die Deutschen sind woanders. Wahrscheinlich in einer authentischen Pariser Kneipe, am Rotwein trinken!

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